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von J. Doehring Der Fall Lessing oder Beweisstück 21YZ |
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Inspector Davis legte seine Hand auf die goldbeschlagenen Türgriffe und zog die schwere Tür mit einem Ruck auf. Ein Schwall warmer Luft wogte ihm entgegen. Er blickte sich um und langsam begann er den Kragen seines Trenchcoats herunter zuschlagen und die Knöpfe zu öffnen. Schwermütig schritt er durch den mit Teppich ausgelegten Raum und begab sich zur Bar. Dort angekommen nahm er seine Brille ab und fuhr sich durch sein nicht mehr ganz so üppiges Haar. „Cuba libre!“ entgegnete er dem Barkeeper, der gerade im Begriff war ihn nach seinem Getränkewunsch zu fragen. Davis blickte hinüber in die andere Ecke des gut gefüllten Salons. Eine Jazzband spielte dort. Der Trompeter blies in sein Instrument und jedes Mal, wenn er nach dem Luft holen wieder ansetzte, weitete sich sein Halsumfang auf das Anderthalbfache[...]Dabei sah er etwa aus, wie ein Frosch, der beim Paarungsruf seine Schallblasen aufbläht.[...] Was ist, wenn ich überhaupt nicht richtig liege mit meiner Annahme, wie der Mord abgelaufen ist, dachte Davis. Sollte er sich wirklich in allem geirrt haben? Wieder schaute er zu dem Jazztrompeter, der soeben ein Solo beendete. „Cuba libre!“ dröhnte der Mann hinter dem Tresen. Stuart Davis griff nach dem Glas. Wie gerne wäre er der Jazzpianist dort hinten am Flügel, wie gern würde er sich Abend für Abend in die gemütlichen Bars der Stadt setzen und einfach nur seine Melodien spielen, immer gleich, von allen bewundert. Stattdessen war er Polizist. Ein Polizist, dessen Aufklärungsquote in den letzten Monaten rapide gesunken und dessen Stelle aufgrund tief greifender Reformen gefährdet war. Das war Inspector Stuart Davis klar. Und ihm war auch klar, dass ,wenn er diesen Fall nicht lösen könnte, er in den „wohlverdienten Ruhestand“, [...], gehen müsse. Auch wenn er total falsch läge, würde er morgen seine Theorie über den Tathergang dem Ermittlerkreis eröffnen. Wenn die Spur vergebens sein würde, wäre das sein vorzeitiges Aus. Was tun? In einem Zug leerte er das Glas, stellte es zurück auf die hölzerne Bar und verlangte dann noch einen. „Wenn sie weiter so trinken, könnte das böse Folgen haben“ sagte eine Stimme hinter dem Inspector und schon fuhr ihm eine Frauenhand mit langen Fingern zart über die Schulter. „Lady, ich bin nicht hier um Spaß zu haben!“ - „Ach nein? So sieht es aber gar nicht aus. Weswegen sind sie denn hier?“ - „Ich trinke mir Mut an!“ seufzte Davis. Nach einer kurzen Pause sagte die Dame, die sich nun neben Davis auf einen der hohen Barhocker schob: „Dabei kann man doch auch Spaß haben“ und zwinkerte ihm zu. Davis war im ersten Augenblick erstaunt, dass sich die Lady in dem roten Abendkleid ausgerechnet ihn ausgesucht hatte. „Hören sie Lady“ sagte Davis „ich bin nicht an Smalltalk interessiert! Außerdem sagt mir mein noch viel zu nüchterner Verstand, dass das unvernünftig wäre“. „Das ist aber schade“ lächelte ihn die Frau von der Seite an. „Schenken sie mir dann wenigstens den nächsten Tanz?“ - „Wenn sie dann Ruhe geben?“ - „Versprechen kann ich nichts“. „Und nun ein Song für all die Verliebten unter euch“ hauchte der Froschmann von Jazztrompeter in sein Mikrofon. […] Davis und schob sich mit der Lady in rot an der Hand auf die Tanzfläche. Nach ein paar Takten würde er dann behaupten auf Toilette zu müssen und durch den Hintereingang zu seinem Wagen in der Main-Avenue gehen. Dann würde er nach Hause fahren, sich ins Bett legen, um dann ausgeschlafen zu sein, wenn er sein zukünftiges Leben als alleinstehender Rentner besiegelte. Während er sich diesen effektiven, wenn auch einfachen Plan ausmalte und die Frau passend zum Rhythmus wiegte, sagte sie plötzlich: „Streng dein Köpfchen nicht so an, das schadet deinem Teint. Und jetzt Stuart überleg, ob wir beide heute Abend noch etwas vorhaben. Hör aber bitte nicht auf deinen noch viel zu nüchternen Verstand, sondern darauf, was dein Herz begehrt“. Etwas irritiert geriet Davis aus dem Takt. Ihm fiel auf einmal ein Spruch ein, den ein alter, sehr belesener Kollege von ihm sehr oft gesagt hatte: „Antworte aus dem Herzen, nicht aus dem Buche!“ Das B...u...ch. DAS BUCH! War das möglich? Wenn ja, dann hatte er vollkommen falsch gelegen. „Einen Moment“ stammelte Davis zu seiner sichtlich erstaunten Tanzpartnerin und stürzte zur Tür. Die 100 Yard bis zu seinem Wagen legte er in einer beachtlichen Zeit zurück. Er schloss und riss die Tür auf und öffnete hektisch das Handschuhfach. Dort lag in einer Plastiktüte mit der Aufschrift „Beweisstück 21YZ“ der Pfandschein. Davis schaltete die Deckenbeleuchtung seines alten Ford an und holte den Schein vorsichtig aus der Tüte. Gewissenhaft studierte er den Schein. „Natürlich“ rief Davis „jetzt ist mir alles klar. Ich habe den Fall gelöst!“ Er schloss die Tür und startete den Motor. Als er das Licht des Wagens anschaltete, stand dort im Lichtkegel plötzlich die Lady in rot. Langsam, Davis kam es wie ein stundenlanges Warten vor, zog sie eine „Smith&Wesson“ aus ihrer Handtasche und richtete den Revolver auf die Frontscheibe, genau an die Stelle, hinter der Stuart Davis saß. In seinem Kopf hörte er die Jazzband spielen. Und nun erinnerte er sich, dass sie seinen Vornamen gewusst hatte. |
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